Foto: Amelie Horsch
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Wenn Pferde älter werden

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Eine junge Pferdebesitzerin erzählt, wie sie gemeinsam mit ihrem Pferd sein Älterwerden erlebt hat

 

Ist ein Gnadenbrotplatz das Richtige?

Jedes Pferd wird älter. Viele Pferdebesitzer möchten oder müssen ihre Pferde in einem bestimmten Alter verkaufen. Sie gehen auf die Suche nach einem „schönen Gnadenbrotplatz“. Ich habe mir als Besitzer eines Senior-Pferdes viele Gedanken um dieses Thema gemacht und frage mich, ob dieser nicht dort ist, wo das Pferd fast sein ganzes Leben verbracht hat? Sind wir denn nicht irgendwie auch dazu verpflichtet, unserem Pferd einen schönen Lebensabend an unserer Seite zu schenken?

Die Handlungsfreiheit eines Pferdebesitzers ist sicherlich von vielen verschiedenen Faktoren abhängig und ein jeder sollte für seine persönliche Situation eine pferdegerechte Entscheidung zum Wohle des Pferdes treffen. So hat auch die Deutsche Reiterliche Vereinigung FN ihren Denkansatz zur Verantwortung gegenüber dem Partner Pferd in den „Ethischen Grundsätzen“ in Worte gefasst. Und diese Verantwortung für das uns anvertraute Lebewesen bezieht sich auf die körperliche und seelische  Gesundheit und das unabhängig von seiner Nutzung. Das bedeutet für den Sportler und für den Rentner. Und sie schließt auch sein Lebensende mit ein. 

 

 

Gemeinsam die Schneeflocken genießen Foto: Bianca Köbe

Wie es bei mir war

Als ich mein Pferd damals von guten Freunden geschenkt bekommen habe, hatte er für ein Sportpferd mit seinen 21 Jahren eigentlich schon ein hohes Alter erreicht. Er war jedoch top fit und man hat ihm sein Alter weder angesehen noch angemerkt. Zuerst musste ich entscheiden, in welchen Stall und in welche Umgebung er ziehen soll. Bewusst entschloss ich mich dazu, ihn in genau dem Stall, in dem er die letzten 15 Jahre gelebt hatte, stehen zu lassen. Getreu dem Motto „Einen alten Baum verpflanzt man nicht“.

In unserem ersten gemeinsamen Jahr sind wir noch einmal auf einem Turnier gestartet. Es war das schönste Gefühl, das man sich nur vorstellen kann, weil ich einen „Profi“ an meiner Seite hatte. Er hat mir einfach unheimlich viel Sicherheit gegeben. In unserer täglichen Arbeit konnten wir Dressur reiten, ab und zu ein paar Sprünge machen und natürlich viele schöne Ausritte miteinander teilen. Für mich, die ich vorher noch nicht viel Geländeerfahrung gesammelt hatte, war das eine einmalige Möglichkeit, die Angst vor dem Ausreiten alleine zu überwinden. Denn ich wusste ja, mein Pferd kennt jeden Weg und hätte immer wieder nach Hause gefunden.

Gemeinsam erkundeten wir neue Wege Foto: Bianca Köbe

Wie sich das Älterwerden beim Reiten bemerkbar macht und wie du reagieren kannst

Irgendwann habe ich gemerkt, dass die Dressurarbeit für meinen Wallach immer anstrengender wurde. Er hat immer früher angefangen zu schwitzen und kam immer schneller an seine Grenzen. Ich habe diese Zeichen angenommen und begonnen, die eigentliche Arbeit auf dem Reitplatz zu reduzieren. Wir gingen mehr ins Gelände. Als später dann auch das Traben und Galoppieren im Gelände immer anstrengender wurde, haben wir auch dies reduziert. Oft sind wir nur Schrittrunden gegangen.

 

Wenn ein Seniorpferd fit genug ist, erhält dressurmäßiges Arbeiten in Maßen die wichtige Muskulatur und bietet willkommene Abwechslung Foto: Bianca Köbe

 

Ich glaube, als Besitzer eines alten Pferdes sollte man bereit sein zu lernen, seine eigenen Wünsche und Forderungen und den Leistungsgedanken in den Hintergrund zu stellen. Und lernen, seinen Blick zu schulen, noch mehr auf sein Pferd zu hören und vermehrt auf die Gesundheit zu achten. Ein Pferd zeigt uns deutlich, wann es den bisherigen Anforderungen nicht mehr gewachsen ist. Wenn man es lange kennt und eine innige Beziehung zu ihm hat, bemerkt man diese Veränderungen.

Ich finde, dass man niemals vergessen darf, was das Pferd all die Jahre zuvor für seinen Reiter geleistet hat, wie oft es einem auf dem Turnier geholfen hat und was man alles mit ihm gemeinsam erarbeitet und gelernt hat. So viele schöne Momente, auf die man zurückblicken kann.

 

Carpe diem – den Augenblick genießen

Für mich war die Zeit, in der ich mein langsam älter werdendes Pferd unterstützen konnte, immer die kleinste Form, mich für all die gemeinsamen Jahre zu revanchieren. Es hat auch seine schönen Seiten, wenn Pferde älter werden. Man lernt, die kleinen Dinge zu genießen. Einen kurzen Galopp im Gelände als einen sehr besonderen Moment zu erkennen und die Zeit, die man mit seinem Liebsten verbringt, viel mehr zu genießen. Das Pferd muss nicht mehr jeden Tag voll belastet werden, es reicht auch oft, eine entspannte Runde im Schritt zu gehen. Den eigenen Stress des Tages kann man dabei einfach zur Seite schieben und die gemeinsame, wertvolle Zeit nutzen.

 

Fotos in der Galerie: Bianca Köbe und Amelie Horsch

 

Körperliche Veränderungen

Fell

Natürlich sind auch äußerliche Veränderungen ein Anzeichen des Älterwerdens, wie zum Beispiel vermehrt graue Haare im Gesicht. Vor allem jedoch ist der Stoffwechsel bei älteren Pferden verlangsamt. Dies hat meistens einen erschwerten Fellwechsel zur Folge. Es äußert sich darin, dass die Senioren Pferde meist deutlich längeres Fell haben und viel länger brauchen, um ihr Winterfell abzuwerfen. Aus eigener Erfahrung heraus kann ich sagen, viel putzen hilft, das Pferd dabei zu unterstützen, sein Fell loszuwerden. Es fördert durch die Massagewirkung gleichzeitig die gesamte Durchblutung.

Gewicht

Außerdem kam die Gewichtsabnahme aufgrund der immer schlechter werdenden Zähne hinzu. Mein Pferd hat sein Futter einfach immer schlechter verwertet. Daraufhin haben wir seine Futterzusammenstellung verändert. Wir entschieden uns, zusätzlich zu Hafer und Heu noch Rübenschnitzel und Heucobs zu geben. Öl für bessere Fellstruktur hatten wir auch schon vorher gefüttert. Natürlich muss man sich dann auch darüber bewusst sein, dass durch das Zusatzfutter ein Mehr an Aufwand und Kosten entsteht.

 

Eine liebevoll zubereitete Spezialmahlzeit für ältere Pferde. Ist gesund, schmeckt und wird gerne von ihnen angenommen Foto: Jessica Köbe

Kreislauf

Ein weiteres Problem, mit dem wir besonders im Sommer und bei starken Temperaturschwankungen zu tun hatten, war der Kreislauf. Wir haben überlegt, was wir tun können und entschieden, mein Pferd in eine Box zu stellen, an die wir extra für ihn einen kleinen Auslauf angebaut haben. So konnte er tagsüber hinein und hinausgehen, wie es ihm behagte und sich freier und vor allem mehr bewegen. Das hat die Kreislaufproblematik zum Vorteil beeinflusst. Und hatte natürlich auch auf den gesamten Bewegungsapparat positiven Einfluss. Für seine häufig etwas angelaufenen Beine war es ebenfalls sehr förderlich. Er hatte in früheren Jahren mit Phlegmonen an beiden Hinterbeinen zu kämpfen, die ihn zwar körperlich später nie eingeschränkt haben, jedoch optisch deutlich sichtbar waren. Durch Bewegung wurden die Beine dann deutlich dünner.

 

Die Box mit der Möglichkeit ins Freie zu gehen, erhöht die Lebensqualität und ist gut für Bewegungsapparat und Kreislauf. Foto: Jessica Köbe

 

Mein persönliches Fazit:

Abschließend kann ich aus meinen Erfahrungen heraus sagen, dass die Pferde uns sehr deutliche Signale in ihrem Alterungsprozess senden. Wer seinen eigenen Leistungsgedanken zurückstellen kann, sein Pferd gut kennt und auf seine Bedürfnisse eingeht, kann gemeinsam mit ihm das Seniorenleben in vollen Zügen genießen. Die Beziehung zum Pferd und das Leben mit ihm bekommt eine neue, andere Qualität.
    * 19 Jahre * Dressurreiterin * aktive Voltigiererin und Voltigiertrainerin *
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