Foto: Philipp Mansmann Photographie
ErfahrungsberichteHaltung

Einzug in einen Bewegungsstall

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Erfahrungen beim Einzug in einen neu erbauten Bewegungsstall

Die ersten vier Monate (Teil I)

Zunächst ist es mittlerweile nichts Ungewöhnliches mehr, dass jemand mit seinem Pferd in einen Bewegungsstall zieht, doch in dem hier von mir beschriebenen Fall gab es doch die ein oder andere Besonderheit. Der Stall wurde neu erbaut und im Juni 2017 eröffnet. Zum Einzugstag hatten sich rund 30 Besitzer mit ihren Pferden angemeldet, von welchen wiederum nur vier Pferde das System – Gruppenhaltung – kannten. Das bedeutete, dass sowohl den Betriebsleiter und die Besitzer, vor allem aber die Pferde etwas ganz Neues erwartete.

Zweck und Sinn eines Bewegungsstalles

Das oberste Ziel des Bewegungsstalles ist die Erfüllung der natürlichen Grundbedürfnisse eines jeden Pferdes. Diese sind:

  • Lauftier
  • Dauerfresser
  • Herdentier
  • Wächter
  • Fluchttier
  • Klimawiderständler
  • Frischluftler

Das System ist eine Abwandlung des Offenstalls mit dem Unterschied, dass die Fütterung automatisch über computergesteuerte Futterstationen erfolgt. Außerdem werden die Pferde durch getrennte Funktionsbereiche zur Bewegung angeregt. Das bedeutet, dass Fressplätze, Tränken, Schlafplätze und Toilette räumlich voneinander separiert sind. Daher findet sich auch die Bezeichnung  Aktivstall.  

Hafer wird über die Kraftfutterstation automatisch gefüttert, wenn das Pferd die Station betritt. Dafür wird es entweder mit einem Halsband, einem eingeflochtenem Chip oder einem Implantat unter der Haut ausgestattet.

Kraftfutterstation Foto: Maresa Rehling

Der Automat erkennt das Pferd, schüttet die entsprechend berechnete Menge aus und stellt den Ausgang entweder zur Koppel oder zurück zum Auslauf ein. Zweck der automatischen Fütterung ist es, dass die gesamte Hafermenge gleichmäßig über den Tag auf 24 Portionen verteilt werden kann. Dies entspricht dem natürlichen Fress- und Verdauungsverhalten eines Pferdes viel eher, als wenige große Portionen am Tag.

Foto: Maresa Rehling

 

Eine weitere technische Einrichtung sind die Heuschieber, die zeitlich gesteuert werden können. In unserem Fall sind sie immer für vier Stunden geöffnet und anschließend zwei Stunden geschlossen. Möchte das Pferd nun auf die Koppel, muss es zunächst in den Kraftfutterautomaten, der dann erkennt, ob das Pferd dazu berechtigt ist und dementsprechend das Tor umschwenkt. Möchte das Pferd etwas trinken und befindet sich auf der Koppel, muss es sich durch ein Einwegtor zurück in den Auslauf bewegen.

Zwei Herden

Wir haben uns für zwei getrennte Herden entschieden  – eine gemischte und eine reine Wallach-Herde. Das hat folgende Gründe: zum einen gibt es Wallache, die z.B. durch späte Kastration nicht mit Stuten zusammenleben können ohne aufzuspringen, oder sich mit den anderen Wallachen anzulegen. Zum anderen gibt es eine gemischte Herde, da eine reine Stutenherde in der Natur auch nicht vorkommt. Wallache bringen eine gewisse Ruhe in die Gemeinschaft und übernehmen die Rolle des Beschützers.

Unsere Größen:

Auslauffläche: ca. 107 m²/Pferd (Vorgabe: 43 m²/Pferd)
Liegefläche: ca. 12 m²/Pferd (Vorgabe: 8,7 m²/Pferd)
Tiere/Fressplätze: 1 : 1,4 (Vorgabe: 1 : 1)
Tiere/Tränken: 10 : 1 (Vorgabe: 15 : 1)

Foto: Philipp Mansmann Photographie

Der große Tag

Nun können sich Betriebsleiter und Besitzer schon Wochen und Monate darauf vorbereiten und sich Gedanken machen, was auf sie zukommen wird. Die Pferde wussten aber bis dato nichts von ihrem neuen „Glück“. Der große Tag lief bei uns so ab, dass alle Pferdebesitzer ihre Pferde gleichzeitig zum neuen Stall gebracht haben und sie direkt alle zusammen in den Auslauf gelassen wurden. Viele Besitzer hatten im Voraus schon ihre Sorgen um Verletzungen etc. geäußert, da die Pferde sich untereinander nicht kannten und auch die Umgebung nicht.

Wir haben uns dennoch für diese Methode entschieden, da sie laut Erfahrungsberichten am stressfreisten für die Pferde sein soll.

Außerdem haben wir vorgeschrieben, dass die Pferde die kommenden sieben Tage den Bewegungsstall nicht verlassen dürfen, damit sie sich mit allem Neuen intensiv auseinandersetzen können und nicht zu viel Unruhe hineinkommt. Als die Pferde dann auf sich allein gestellt waren, wurde zunächst die neue Heimat erforscht und ein wenig aufgeregt herumgelaufen. Sowie dann aber die große, frische Koppel entdeckt wurde, waren die Köpfe schnell unten und es wurde gefressen. Das Kennlernen untereinander schien erstmal verschoben worden zu sein, da zum einen das Gras wichtiger war, und zum anderen die fremde Umgebung die Gruppe erst einmal zusammen schweißte. Somit war der erste Tag geschafft und das zu unser aller Erleichterung ganz ohne Tierarzt. Nur ein paar Hufeisen wurden Opfer dieses Experiments.

Auch am nächsten Morgen war alles sehr ruhig. Die Pferde nahmen das Mobiliar des Stalles in Augenschein und ein erstes Kennenlernen fand statt. In den darauffolgenden Tagen und Wochen war es sehr spannend, die Pferde zu beobachten, da sich jeden Tag ein neues Bild bot.

Fressverhalten

Ihr Raufutter erhalten unsere Pferde aus verschiedenen Heuraufen. 30 Fressplätze sind zeitgesteuert und im Wechsel vier Stunden geöffnet und zwei Stunden geschlossen. Außerdem gibt es noch einen ad-libitum-Bereich mit 14 weiteren Plätzen, die immer zur Verfügung stehen.

Die Herausforderung für die Pferde war es zu lernen, einen Fressnachbarn zu akzeptieren und gleichzeitig einen Platz zu finden, von dem man nicht permanent durch einen Ranghöheren verscheucht wurde. Es stellte sich schnell heraus, welche Pferde darin geschickt waren und welchen es schwerer fiel. Letztendlich verlangten wir von unseren Pferden, welche ihr Leben lang (das älteste Pferd ist 28!) ihr Heu in der Box bekommen hatten, dieses auf einmal selber aufzusuchen und es auch noch mit anderen zu teilen. Da die Pferde zum Fressen ihre Köpfe durch Fressgitter stecken müssen, hatten sie in den ersten vier Wochen Schrammen oberhalb der Augen. Diese entstanden, wenn die Pferde von ihrem Fressplatz verscheucht wurden und den Kopf ungeschickt aus dem Gitter zurückgezogen haben. Bei einigen sah man nach zwei Wochen bereits keine Spuren mehr, bei anderen noch nach zwei Monaten.

der ad-libitum-Bereich Foto: Maresa Rehling

Bis die Pferde nun dicht an dicht gefressen haben, hat es einige Wochen gedauert. Gerade der Herdenchef hat gerne mal eine ganz Reihe verscheucht und ist dann doch lieber in den Liegebereich gegangen. So kam es uns am Anfang alles noch sehr unruhig vor, doch die Pferde haben schnell dazu gelernt. Jetzt fressen meistens dieselben Pferde nebeneinander. Grundsätzlich ziehen sie aber immer die frische Weide vor.

Schlafverhalten

24 Stunden in freier Bewegung zu sein und das mit fremden Pferden, war zunächst sehr anstrengend für die Tiere, sodass man sie in der Früh und zur Mittagszeit viel in der Halle liegen sah. Für die Pferde ging es jetzt darum, einen Tagesrhythmus zu finden, da ihnen der Mensch keine Fress- und Koppelzeiten mehr vorgab.

Foto: Maresa Rehling

Wer nicht in der Liegehalle geschlafen hat, lag auf der Koppel in der Sonne. Mittlerweile sehen wir tagsüber nur noch sehr wenige Pferde schlafen, sodass wir davon ausgehen, dass die meisten nachts ruhen (morgens sieht man im Sägemehl einige Liegekuhlen). Dabei kann es vorkommen, dass ein Pferd ganz alleine in der Liegehalle schläft, oder aber gleich mehrere zusammen. Bei hohen Temperaturen haben einige den kühlen Sandplatz im Auslauf bevorzugt. Ähnlich wie beim Fressen, müssen die Pferde auch hier darauf achten, wann und neben wen sie sich legen, damit sie nicht aufgescheucht werden.

Herdenverhalten

Es fiel auf, dass Pferde, die sich schon vorher kannten, zunächst in ihrer Gruppe blieben und die anderen erst einmal außer Acht ließen. So gab es in beiden Herden drei bis vier kleine Gruppen. Doch jeden weiteren Tag im Stall veränderte sich die Konstellation. Die Pferde schienen sich anscheinend am liebsten nachts kennenzulernen, denn jeden weiteren Morgen standen die Pferde näher beisammen. Interessanterweise war bei beiden Gruppen ohne größere Auseinandersetzung sofort klar, wer der Chef ist und das ist bis heute so geblieben. Letztendlich gibt es die meisten Auseinandersetzungen, wenn es um das Futter geht. Die Art und Weise dieser „Auseinandersetzungen“ hat sich ebenfalls im Laufe der Zeit geändert. Während die ranghohen Pferden die rangniederen am Anfang noch verjagt haben, wissen sie mittlerweile, dass ein einfaches Drohen mit den Ohren ausreicht. Diese Art der Kommunikation bringt natürlich eine gewisse Ruhe in die Gruppe.

Während die Herden immer mehr zusammen gewachsen sind, haben sich neue Freundschaften gebildet und man hat sich über jedes „Fellkraulen“ gefreut. Weiterhin auffällig war, dass es bei den Wallachen fast drei Monate gedauert hat, bis man untereinander Spielverhalten beobachten konnte.

Foto: Maresa Rehling

Da mit 30 Pferden die Herden noch nicht ganz voll waren, kamen ca. alle zwei bis drei Wochen neue Pferde hinzu. Zum ersten Kennenlernen gibt es eine sogenannte Integrationsbox, die über ein Paddock das Beschnuppern über den Zaun zulässt. Man kann jetzt schon sagen, dass diese Boxen sehr hilfreich sind, da sie zum einen dem Pferd viel Stress nehmen und zum anderen kann man sehen, wie das neue Pferd auf andere Pferde reagiert. In der Wallachherde wurden alle Neuankömmlinge stets sehr freundlich begrüßt und das Pferd war nach kurzer Zeit aufgenommen. In der gemischten Herde heißen die ranghohen Stuten den Neuen in der ersten Zeit nicht willkommen. Das heißt, dass er der Herde fernzubleiben hat. Doch auch das legt sich relativ schnell (spätestens, wenn die erste Stute rossig wird).

Unser Fazit

Was kann man nach vier Monaten Experiment Bewegungsstall für ein Fazit ziehen? Was empfinden wir als positiv?

Zunächst sind wir natürlich sehr erleichtert, dass nichts passiert ist und es allen Pferden gut geht. Uns als Stallbetreiber ist natürlich auch die Stimmung der Pferdebesitzer sehr wichtig, sodass ein abendlicher Anruf eines Einstellers uns manchmal das Herz in die Hose rutschen lässt (umgekehrt ist es mit Sicherheit genauso).

Es ist schön zu sehen, wie Freundschaften entstehen und sich alle Pferde miteinander verstehen und auskommen. Mittlerweile machen sie alles zusammen und sind keine Einzelkämpfer mehr.

Von den Einstellern wissen wir, dass die Pferde toll zu reiten sind und sich einige darüber gefreut haben, wie ihr Pferd sich charakterlich entwickelt hat. Für uns gibt es nichts Schöneres, als in einem Liegestuhl stundenlang die Pferde zu beobachten. Es gibt jeden Tag neue Entdeckungen zu machen!

Was empfinden wir als negativ, bzw. was hat uns keiner vorher gesagt?

Wie schon anfangs erwähnt, können wir die Pferde auf dieses System nicht vorbereiten, sodass man sie von heute auf morgen damit konfrontieren muss. Wir haben unseren Boxenpferden schon einiges zugemutet und die ersten Wochen waren mit Sicherheit sehr anstrengend für sie. Drei der Pferde sind über 25 Jahre alt, und wir waren uns nicht sicher, ob die Belastung vielleicht zu groß für sie sei. Gerade das Anlernen an die Automaten (Näheres dazu in Teil II) und das gemeinsame Fressen an den Raufen verlangten den Pferden zu Beginn eine Menge ab.

Trotzdem können wir jetzt schon sagen, dass wir es nicht mehr missen wollen. Wir sind sehr stolz, dass keiner der Besitzer sein Pferd wieder aus dem Stall herausgenommen hat und alle (Pferd und Reiter) sehr zufrieden wirken. Nun steht uns der erste Winter bevor.

    * 27 Jahre alt * aus München * Studentin „Agrar- und Pferdewissenschaften“ * eigenes Pferd: 23-jährige Stute „Angie“ *
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