Foto: Philipp Mansmann Photografie
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Erfahrungen im Bewegungsstall – ran an die Vorurteile!

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9 Monate sind seit dem Einzug der Pferde vergangen (Teil II)

Mit meinen eigenen Erfahrungen aus 9 Monaten Leben unserer Pferde im Bewegungsstall stelle ich mich den hartnäckigsten Vorurteilen der Pferdewelt. Im Juni 2017 sind wir mit rund 30 Pferden in einen neu erbauten Bewegungsstall eingezogen. Hier berichte ich euch über dieses große Abenteuer. Rund 12 weitere Pferde sind im Laufe der Zeit dazu gekommen. Und mittlerweile haben wir sogar eine ansehnliche Warteliste.

Nachdem die schwierigste und aufwendigste Arbeit (das Anlernen an die Futter-Automaten) abgeschlossen ist, kehrt nun endlich der Alltag in den Stall ein, und ich kann zurückschauen und von den Erfahrungen berichten.

Eingang in den Kraftfutterautomaten Foto: Maresa Rehling

Meine persönliche Einstellung gegenüber dem Bewegungsstall ist folgende: Ich war vorher schon zu 99,9 % von dieser Haltung überzeugt und bin es jetzt zu 110 %. Für mich ist klar, dass es die natürlichste und artgerechteste aller Haltungsformen ist. Das Pferd kann all seinen Bedürfnissen zu jeder Zeit nachkommen, und das sehe ich als grundsätzlich wichtig an.

Gleichzeitig ist mir aber auch bewusst, dass es immer wieder schlecht konstruierte Bewegungs- oder Offenställe gibt, die eben nicht diese Effekte ermöglichen. Es gilt also wie immer: „Es kommt drauf an“. Fairerweise gehen wir jetzt von einem gut durchdachten und realisierten Stall aus, um nachfolgend den Bedenken und Vorurteilen begegnen zu können.

Inhalt
1. Zu dick oder zu dünn?
2. Zu müde und erschöpft?
3. Keine „Privatsphäre“ und Stress untereinander?
4. Mehr Verletzungen?
5. Nur für „Freizeitpferde“ geeignet?
6. Vorteile gegenüber der Boxenhaltung

1. Zu dick oder zu dünn?

Die eine Hälfte der Zweifler sagt, dass Pferde in diesem Haltungskonzept zu dick werden. Die Begründung ist, dass es meistens 24 Stunden am Tag etwas zu Fressen gibt. In vielen Fällen muss das Pferd Hafer fressen, um zu den verschiedenen Bereichen zu gelangen. Die andere Hälfte behauptet wiederum, dass nicht jedes Pferd beim Fressen auf seine Kosten kommt (insbesondere soll es rangniedrige Pferde betreffen), und diese Tiere mit der zusätzlichen Bewegung dann zu dünn werden.

Meine Antwort ist, dass diese Verallgemeinerung nicht stimmt. (Wir gehen reelerweise von einem gesunden Pferd unter 25 Jahren aus). Zum einen kommt es auf den Typ Pferd an: Haflinger z.B. werden bei uns nicht zu dünn. Sie bewegen sich gefühlt weniger und richten ihren Tag ganz nach Heu und Hafer aus. Dann haben wir auch Vertreter des Typen Vollblut im Stall. Diese bewegen sich naturgemäß deutlich mehr und lassen ihren Tag nicht nur vom Fressen bestimmen. Sie toben gerne ein bis zweimal am Tag über die große Koppel.

Zum anderen können wir bei uns nicht beobachten, dass es einen Zusammenhang zwischen rangniedrig = zu dünn und ranghöher = zu dick gibt. Ich würde schlussfolgern, es ist eine Typsache, ebenso rasse- und charakterbedingt.

Wenn nun der Futterzustand eines Pferdes nicht passt, kann der Betreiber der Anlage den Hafer- und Heuverzehr einschränken oder aufstocken. Die Technik in unserem Stall erlaubt es zum Beispiel, die Fresszeit von 24 auf 16 Stunden zu reduzieren.

Entspanntes gemeinsames Fressen an der Heuraufe. Foto: Philipp Mansmann Photografie

Aber muss der Stall bzw. die Haltungsform das alleine regulieren? Ich kann doch das Pferd auch wahlweise mehr arbeiten oder ich überlege, ob die 20 Karotten plus Müsli nach dem Reiten wirklich nötig sind. Und wenn wir ehrlich sind, gibt es in Boxenhaltung durchaus ebenfalls Pferde, die ein Gewichtsproblem haben.

2. Zu müde und erschöpft?

Was soll ich sagen? Dieses Argument ist absolut nicht wahr! Eher ganz im Gegenteil. Vielleicht waren die Pferde direkt nach ihrem Einzug in den ersten Tagen ein wenig erschöpft, ja. Aber wären wir das nicht auch nach einem Umzug? Vor allen Dingen, wenn man mit etwas ganz Ungewohntem und Neuem konfrontiert wird.

Gerade weil sich die Pferde den ganzen Tag bewegen, trainieren sie ihre Grundkondition und haben auch für die Arbeit unter dem Sattel eine andere Energie. Sicherlich ist auch das wieder eine Typfrage. Wenn wir noch einmal den Haflinger mit dem Vollblut vergleichen, können wir uns das Resultat ja denken.

Die Pferde haben also noch genug Power, sind dabei aber ausgelastet und im Gleichgewicht. Das heißt, dass es gerade im Winter selten zu unkontrollierten Handlungen kommt. Was sich durchaus minimierend auf die allgemeine Verletzungsgefahr auswirkt. Und auch hier liegt es mit in der Hand des Reiters und nicht nur beim Stall.

Entwicklungsgeschichtlich sind Pferde Lauf- und Fluchttiere aus der Steppe. Es ist ihre Natur, sich den ganzen Tag gleichmäßig zu bewegen, und in wichtigen Momenten Höchstleistung zu bringen. Auch die heutigen Pferde können das noch. Oft sind diese natürlichen Instinkte aber durch lebenslange isolierte Boxenhaltung verkümmert und müssen im wahrsten Sinne des Wortes wiederbelebt werden.

3. Keine „Privatsphäre“ und Stress untereinander?

Auch dieser Punkt hängt meiner Meinung nach vom Typ des Pferdes und seinem ureigenen Charakter ab. Nach unseren Beobachtungen und Erfahrungen finden sich die gemütlichen und ruhigeren Pferde wesentlich schneller ein, als die etwas hektischeren und unruhigen. Letztere benötigen einfach ein wenig mehr Zeit sich einzuleben, aber dann finden auch sie ihren Platz in der Herde.

Oft kann ich beobachten, dass die Pferde ihre festen Ruheplätze haben. Als Beispiel seht ihr auf dem Bild eine Araberstute, die jeden Tag mindestens zweimal an diesem Ort steht und dort auch in Ruhe gelassen wird. Als das Bild entstanden ist, haben sich 21 Pferde in dem Auslauf aufgehalten. Es verteilt sich demnach sehr gut.

Ruhiges Plätzchen für unsere Araberstute. Foto: Maresa Rehling

Aber auch als Wohngemeinschaft funktionieren gemeinsame Ruhezeiten sehr gut:

Fotos Galerie: Maresa Rehling

Kleines Fazit

Pferde, die entweder das System der Gruppenhaltung schon kennen, oder zumindest auf Koppeln in Gruppen gehalten worden sind, leben sich wesentlich schneller ein. Sie sind sozialisiert und wissen, wie und wann sie zu reagieren haben. Pferde aus Einzelhaltung werden mit vielen neuen Lebensumständen konfrontiert. Der Vergleich „vom Singlehaushalt in die Wohngemeinschaft“ trifft es ganz  gut. Das ist für solche Pferde ein großer Schritt. Für die Herde ist es wichtig, dass diese Kandidaten dann nicht aggressiv reagieren.

Bei uns haben es alle gut hinbekommen! Auch hier spielt der Faktor Zeit eine wichtige Rolle. Bei zwei bis drei Pferden haben wir erst nach fünf bis sechs Monaten gesagt „So, jetzt ist er richtig angekommen und voll in die Herde integriert“. Es ging den einzelnen Pferden davor nicht schlecht, nur waren sie in manchen Situationen noch ein wenig irritiert und mussten lernen, sich zurechtzufinden.

4. Mehr Verletzungen?

Es ist das wahrscheinlich hartnäckigste und zugleich natürlich abschreckendste Gerücht. Mir persönlich kommt es oft so vor, als seien einfach auch die Erwartungen gegenüber einem Bewegungsstall sehr hoch. Er soll eine Art Allheilmittel sein. Mit Argusaugen wird dann alles beobachtet und wehe, eins der Pferde hat mal eine Schramme. Statistiken hätten doch schließlich herausgefunden, dass die Gefahr sogar vermindert sei. Also, woher kommt nun diese Schramme?

Zunächst einmal ist das für mich eine Sache klarer Definitionen, denn es gibt eine große Bandbreite an Verletzungen. Angefangen bei Schrammen über Verletzungen, die von einem Tierarzt behandelt werden müssen, bis hin zu Klinikaufenthalten.

Wie war es also bei uns mit der Verletzungsproblematik? Zugegeben, Schrammen hatten die Pferde eine Menge. Gerade in der Eingewöhnungszeit, wo sie sich untereinander und das System erst einmal kennenlernen mussten. Die meisten unproblematischen Macken wurden von den Heuraufen verursacht, wenn ein Pferd ungeschickt seinen Kopf herausgenommen hat. Aber das haben sie alle gelernt, und so etwas sehe ich inzwischen so gut wie gar nicht mehr.

Mittlerweile resultieren die meisten Schrammen von Spielereien untereinander. Die Wallache in unserer Herde haben tatsächlich vier Monate gebraucht, bis sie angefangen haben, miteinander zu spielen und zu raufen. Mittlerweile gehört dieses völlig natürliche Verhalten aber zum Alltag. Für mich ist es eine Wonne, sie dabei zu beobachten. Wer das als Pferdebesitzer nicht verträgt, ist hier falsch. Oder kauft sich besser eine Stute. Ich sage dies mit einem Augenzwinkern, aber dann gilt es meiner Meinung nach tatsächlich, an der eigenen Einstellung gegenüber der Natur der Pferde zu arbeiten und ihre Verhaltensweisen zu  verstehen.

Kleiner Exkurs zum Thema „Spielen“
Ich finde es sehr erstaunlich, wie viel die Pferde spielen. Dabei wird zusammen galoppiert, in die „Knie“ gegangen, in den Mähnenkamm gebissen und gestiegen. Das Interessante ist, dass ich dieses Verhalten nie bei den Boxenpferden beobachte, die nur im Sommer draußen auf den Koppeln sind. Sie stehen zum Teil zwar auch 8 Stunden draußen, aber haben so ein Verhalten noch nie oder nur sehr selten gezeigt. Meine Erklärung ist, dass das Pferd Prioritäten setzt und somit das Grasfressen wichtiger ist. Außerdem muss es anscheinend ein gefestigter Herdenverband mit vertrauensvollen Beziehungen untereinander sein, damit die Pferde so ausgelassen spielen wollen. Das zeigt für mich, wie sehr wir doch die Pferde in ihrem Verhalten einschränken können.

Pferde haben einen empfindlichen Bewegungsapparat. Die Beine sind zum größten Teil nicht von Fleisch und Muskeln geschützt, sondern bestehen nur aus Knochen, Sehnen, Bändern und dünner Haut. Das macht sie sehr anfällig. Somit hatten auch wir schon Verletzungen, wo ein Tierarzt gefragt war und die Pferde Boxenruhe verordnet bekommen haben.

Zwei Beispiele:

Eine Stute hatte eines Tages außen am Vorderbein ein dickes Überbein. Eine offene Verletzung war es nicht, aber sie lahmte und es tat ihr offensichtlich weh. Sie zog für sechs Wochen in eine Box, weil eine Fissur am Griffelbein vermutet wurde. Mittlerweile ist alles wieder gut und sie ist wieder voll im Einsatz. Leider erfahren wir ohne Zeugen nicht, was die jeweilige Verletzung verursacht hat. Vielleicht war es ein anderes Pferd, vielleicht hat sie es sich aber auch selber zugefügt. Wir werden es nie herausfinden und es ergibt auch keinen Sinn, sich den Kopf darüber zu zerbrechen. Für die vom Konzept überzeugte Einstellerin stand nur fest, dass das Pferd auf jeden Fall wieder zurück in ihre Herde kommt.

Im zweiten Fall wurde ein Wallach von einem anderen vom Futter weggeschickt und ist, anstatt den üblichen Weg zu nehmen, über ein Tor gesprungen und dabei hängen geblieben. Ich selber war direkter Zeuge und somit konnten wir das Pferd schnell befreien. Es hatte mit Sicherheit Schmerzen am Knie und wurde mit Schmerzmittel eine Woche lang in der Box behandelt.

Wir Reiterleute wissen, es gibt geschickte und eher ungeschickte Pferde. So kann es eben immer wieder Zwischenfälle geben. Genau wie in jeder anderen Haltungsform auch. Großartig finde ich, dass im gesamten Stall bis heute noch keine einzige Kolik aufgetreten ist. Darüber hinaus hatten wir Einzelfälle mit Hufgeschwür, Husten, Schnupfen, Kotwasser, etc. Aber es gab doch auch nie ein Versprechen, dass so etwas unter keinen Umständen in einem Bewegungsstall auftritt?

Mir ist aufgefallen, dass frische Verletzungen immer als wesentlich dramatischer aufgenommen werden, als systemische oder chronische Krankheiten. Dabei sind in meinen Augen Krankheiten wie Kreuzverschlag, Cushing, Ekzem, Magengeschwüre oder Sehnenschäden ( Hier findet ihr unsere weiterführenden Informationen zu diesen Krankheiten und auch das richtige Verhalten im Notfall ) doch wesentlich schlimmer. Und sie beeinträchtigen das Pferdeleben, und auch den Besitzer und Reiter, viel nachhaltiger. Sie gelten heutzutage als sogenannte Zivilisationskrankheiten des Pferdes und resultieren erwiesenermaßen immer aus den gleichen Ursachen: zu wenig und/oder falsche Bewegung und falsche Fütterung.

5. Nur für „Freizeitpferde“?

Auf diesen Begriff reagiere ich leicht allergisch, weil ich mich immer frage, wann ein Pferd ein Freizeit- und wann es ein Turnier- oder gar ein Hochleistungspferd ist. Zumal das Pferd selber es auf gar keinen Fall weiß. Sportpferde sind für mich die Pferde, die wirklich Leistung bringen müssen (und damit meine ich hohe Dressuren, Springen, Vielseitigkeit, Rennpferde). Und bei zwei Turnieren pro Jahr rede ich auch noch nicht von einem Turnierpferd.

Abgesehen davon, hat in meinen Augen jedes Pferd ein Recht auf artgerechte Haltung. Und da wir das Argument mit der Müdigkeit ja schon aus dem Weg geräumt haben, könnte man noch das Verletzungsargument hinzuziehen. Aber da sehe ich, wie oben schon erwähnt, keinen Unterschied zur Boxenhaltung. Und durch die gleichmäßig über den Tag verteilte Bewegung (gleichmäßige Durchblutung) wird insbesondere der Bewegungsapparat sogar robuster.

In unserem Bewegungsstall leben sieben bis acht Pferde, die mehr als zwei Turniere pro Saison gehen. Darunter sind L-Dressur-Sieger und L-Vielseitigkeitspferde (u. a. oberbayerischer Kader).

Eines unserer Turnierpferde, das sein Leben im Bewegungsstall genießt. Foto: Marina Bauer

Bekannte Reiterpersönlichkeiten wie Klaus Balkenhol, Carl Hester oder auch Uta Gräf zeigen ebenfalls, dass diese Haltung auch mit Sportpferden funktioniert. Sie sind ein Vorbild für die Reiterszene. Mehr Interessantes und Wissenswertes dazu findest du auch in diesem Artikel der Pferderevue aus Österreich: Sportpferde im Offenstall. Zum Beispiel auch, wie die Regeneration von Burnout-Sportpferden in Gruppenhaltung gelingen kann.

6. Vorteile gegenüber der Boxenhaltung für uns Menschen:

1. Das schlechte Gewissen ist weg!

Mein Pferd steht schon ewig in einem Offenstall aber nun musste es für den Umzug in den neuen Bewegungsstall für zwei Jahre in eine Box. Da habe ich dieses schlechte Gewissen zum ersten Mal kennen gelernt. Vorher bin ich zu meinem Pferd gefahren, weil ich Lust hatte zu reiten, oder weil ich mich einfach mit meinem Pferd beschäftigen wollte.

In der Box, und dann vor allem im Winter, ging es jeden Tag nur darum, das Pferd bei Laune und in Bewegung zu halten. Abwechslung in den Alltag zu bringen und die Bewegungsmöglichkeiten so über den Tag zu verteilen, dass es zu keiner langen Stehzeit kommt. Aber 10 Stunden stehen sie dann doch mindestens am Stück in der Box. Frustrierend für mein Pferd und genauso für mich als Besitzer.

Jetzt, im Bewegungsstall, beschäftige ich mich wieder mit Freude mit meinem Pferd, und das spiegelt sich auch wider. Meine Stute zeigt mir allerdings auch deutlich, wenn sie mal keine Lust auf mich und mein Programm hat. Damit komme ich gut klar. Sie braucht mich jetzt nicht mehr, und mir gibt das ein gutes Gefühl. Ich weiß aber auch, dass man das als Pferdebesitzer erst lernen muss, und es einem durchaus einen Stich ins Herz versetzen kann, sein Tier so „selbstständig“ zu sehen.

2. Die Flexibilität

In der Boxenhaltung gibt es meistens feste Strukturen, was Koppel- oder Paddockgänge und Fütterungszeiten angeht. Wenn das Pferd grad auf der Koppel ist, kann man nicht reiten. Direkt vor oder nach dem Füttern ist es auch nie recht. Im Bewegungsstall gibt es für diese Abläufe keine festen Zeiten, sodass man sein Pferd jederzeit „stören“ darf.

3. Das ausgeglichene Pferd

Was diesen Punkt betrifft, kann ich nur zum Teil mit eigenen Erfahrungen dienen, weil mein Pferd eigentlich schon immer sehr ausgeglichen war. Aber ich weiß von einigen Einstellern, dass sie gerade im Winter einen großen Unterschied gemerkt haben. Bei der Arbeit sind die Pferde mit dem Kopf mehr bei der Sache und haben nicht den Drang, bei jeder Kleinigkeit zu scheuen und wegzuspringen.

4. Pferde beobachten und ihr natürliches Verhalten erforschen

Für viele von uns „Bewegungsstallern“ gibt es nichts Schöneres, als sich an den Auslauf zu stellen, und die Pferde zu beobachten. Dort zeigen sie Verhaltensweisen, die sie in Boxen gar nicht ausleben konnten. Angefangen beim Spielen bis hin zu dicken Freundschaften. Oder auch die Flexibilität der Rangordnung: Es kommt immer auf die Situation an, wann welches Pferd ein anderes zurückweisen kann und wegschicken darf. Uns Menschen fällt es bisweilen schwer, dieses Gefüge zu durchschauen.

Es ist den Menschen eine Freude, Pferde und ihr natürliches Verhalten zu beobachten. Foto: Philipp Mansmann Photografie

Am interessantesten ist jedoch der Tagesrhythmus: Je nach Jahreszeit wird zu bestimmten Zeiten geschlossen auf die Koppel marschiert. Und obwohl wir einen Wälzplatz haben, gibt es nichts Schöneres, als sich auf der Wiese zu wälzen. Bei Sonne wird grundsätzlich gemeinsames Sonnenbaden betrieben. Und zur menschlichen Kaffeepause am Nachmittag wird ebenfalls gerne ein Nickerchen eingelegt.

Aber die meisten Vorteile ergeben sich natürlich für das Pferd. Zusammenfassend kann man sagen, dass im Bewegungsstall die Grundbedürfnisse des Pferdes erfüllt werden. Die folgende Grafik zeigt sie und es lohnt sich, einmal die Gewohnheiten in der Natur und den beiden Haltungsformen“Offenstall“ und „Box“ zu vergleichen. Nur der Offen- bzw.Bewegungsstall hat das Potenzial, das Prädikat „artgerecht“ zu verdienen!

Vorteile gegenüber der Boxenhaltung für die Pferde:

1. Lauftier

Das Pferd ist den ganzen Tag in Bewegung und durch die Größe des Auslaufs wird ihm auch bei geschlossenen Koppeln ermöglicht, zu galoppieren oder in „Gefahrensituationen“ zu flüchten.

2. Dauerfresser

Die Pferde haben bei uns mindestens 16 Stunden Zugang zu Heu. Je nach Besitzer kann man dies auf 24 Stunden heraufsetzen. Die Haferfütterung erfolgt in 24 Portionen über den Tag verteilt. Gepaart mit der Bewegung speichelt das Pferd immer genug ein, um das Futter optimal zu verdauen.

3. Herdentier

Bei rund 20 Mitbewohnern hat das Pferd eine große Auswahl an Freunden für Fellpflege, spielen und soziale Kontakte.

Ziemlich dicke Freunde. Foto: Maresa Rehling

4. Wächter

Durch den Herdenverband ergibt sich für die Pferde eine natürliche Rollenverteilung.

5. Klimawiderständler

Das Pferd ist auf die unterschiedlichsten Witterungen von Natur aus perfekt vorbereitet. Eine dicke Hautschicht und die sogenannten Haarbalgmuskeln sorgen für eine schnelle Anpassung. Während der Mensch sich zwischen 20 und 27°C wohlfühlt, liegt dieser Bereich beim Pferd zwischen 5 und 15°C.

Wir haben schon oft beobachtet, wie die Pferde sich gezielt in den Wind oder Regen stellen, während der Mensch am liebsten im warmen Haus auf dem Sofa sitzen würde. Auch Schnee macht den Pferden nichts aus, ganz im Gegenteil, er wird gerne zum Wälzen aber auch zum Schlafen genutzt.

6. Frischluftler

Das Pferd ist mit seinem großen Atmungsapparat auf gute und frische Luft angewiesen. Früher konnte man sich viele Atemwegserkrankungen nicht erklären, heute weiß man, dass sie aus den geschlossenen Stallungen mit wenig Frischluft und häufiger Staubentwicklung resultieren.

Video: Maresa Rehling

Das kleine Video zeigt einen entspannten Alltagsmoment in unserem Stall.  Die Pferde begegnen und beschäftigen sich nach Lust und Laune. Ich hoffe und wünsche mir, dass ich mit meinem Bericht einige der Bedenken, die vielleicht unbegründet waren, aus dem Weg räumen konnte. Abschließend möchte ich sagen, dass es wirklich auf das Pferd, den Besitzer und den Stall ankommt. Aber für mich „passt“ erstmal jedes Pferd in dieses Konzept. Natürlich gibt es Ausnahmen wie Krankheit, Hengste oder Verkaufspferde. Die Haltungsbedingungen für Pferde haben sich in den letzten Jahren (Gott sei Dank) sehr verändert. So war bis vor 10 Jahren noch die Anbindehaltung zu finden und erlaubt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie skeptisch Pferdebesitzer gegenüber den ersten Paddockboxen waren. Mittlerweile sind sie aus der Pferdehaltung nicht mehr wegzudenken.

Veränderung und Anpassung brauchen Zeit

Veränderungen in der Pferdehaltung sind ein Prozess, der langsam aber stetig voranschreitet. Genauso viel Zeit muss man wahrscheinlich auch den Pferdebesitzern geben. Entscheidet man sich dann aber für die Haltungsform Bewegungsstall oder Offenstall, sollte man sich folgender Tatsache bewusst sein: Es beginnt ein Anpassungsprozess für Pferd (und Mensch), der Zeit braucht. Nach meinen Erfahrungen sind hier sechs Monate ein guter Richtwert.

Dabei ist mit Sicherheit ein älteres Pferd am besten in einer kleinen Rentnerherde aufgehoben und ein Pferd, das jahrelang allein stand, sollte langsam und behutsam an das Thema herangeführt werden. Fakt ist, dass der Mensch hinter diesem Konzept stehen und sich darauf einlassen muss. In diesem Sinne: Geben wir der Veränderung eine Chance, zum Wohle des Pferdes.

    * 27 Jahre alt * aus München * Studentin „Agrar- und Pferdewissenschaften“ * eigenes Pferd: 23-jährige Stute „Angie“ *
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