Foto: Charlotte Hess
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Losgelassenheit geht nur über den Rücken

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Reiten mit Gefühl und Köpfchen

Wie Probleme mit der Losgelassenheit entstehen und wie du sie lösen kannst

 

Die Losgelassenheit ist die Basis für ein zufriedenes und gesundes Reitpferdeleben. Aber ihr kennt das bestimmt: Kaum versucht man, einen Reiterkollegen um Rat zu fragen, weil man zum Beispiel Schwierigkeiten mit den Übergängen hat, bekommt man zu hören „Ach, den musst du doch nur mal richtig locker machen“. Toll. Stimmt natürlich auf eine Weise, aber so richtig weiter helfen tut es nicht. Denn genau damit hat man ja seine Probleme.

In den Beiträgen über den Trainingsaufbau und die Lösungsphase könnt ihr noch einmal nachschauen, was Losgelassenheit genau bedeutet und warum sie so wichtig ist.

Keine Frage, es braucht auch die körperliche Fitness und Kunst des Reiters, über den Sitz auf sein Pferd einzuwirken, ohne selber zu verspannen. Denn Pferd und Reiter bilden eine Einheit und es kann nur so losgelassen sein wie sein Reiter. Sehen wir uns heute die möglichen Probleme des Pferdes an.

Zufriedenes Pferd und glückliche Reiterin nach einem gelungenen Training  Foto: Bianca Köbe

Wo fange ich an?

Was kannst du also tun, wenn es nicht „rund“ läuft? Sei ehrlich zu dir selber und beantwortet zuerst die Frage, ob es am eigenen reiterlichen Handwerkszeug liegen könnte. Fähigkeit zur Selbstkritik ist immer der richtige Weg, denn kein Reiter dieser Erde lernt jemals aus. Sei bereit, die Ursachen zu finden, an der Basis zu arbeiten und nicht den kurzen Weg der Symptombehebung über Hilfszügel oder ähnliches zu gehen. Und gib euch Zeit.

Eine gute Möglichkeit ist es, einen erfahreneren Reiter oder Bereiter deines Vertrauens zuerst eine Einschätzung vornehmen zu lassen. So kannst du dann auch einmal von unten betrachten, wie dein Pferd sich unter einem anderen Reiter gibt. Allein die Veränderung des Standpunktes kann bereits wertvolle Erkenntnisse bringen.

Pferde wollen uns niemals ärgern

Gehe grundsätzlich immer davon aus, dass ein Pferd dich niemals aus einer Art bösem Willen heraus „ärgert“. Das ist Menschensprache und Menschendenken. Pferde reagieren auf „Angenehm“ und „Unangenehm“ bzw. Schmerz. Ebenso auf  „Wohlfühlen“ im Sinne von – hier bin ich sicher – und auf Angst vor Unbekanntem und Stress, was bei ihnen als Fluchttiere eben auch den Fluchtinstinkt auslösen kann.

Takt, Losgelassenheit und Anlehnung sind die Grundlagen für eine weitere Ausbildung des Reitpferdes Foto: Amelie Horsch

Wenn dein Pferd also große Probleme zeigt, sich unter dem Reiter loszulassen, können die folgenden Tipps bestimmt weiterhelfen, den Grund herauszufinden.

Der Rücken

Der Pferderücken ist tatsächlich die unangefochtene Nummer 1 der Ursachen. Warum? Wer selber schon einmal Rückenschmerzen, einen Schiefhals oder gar einen Hexenschuss hatte, wird den Zusammenhang noch besser verstehen. Diese Schmerzen können unglaublich stark sein und vor allem beeinträchtigen sie jede noch so kleine Bewegung.

Betrachten wir nun die Anatomie des Pferdes wird schnell klar, welch zentrale Rolle der Rücken spielt.

Er verbindet durch seine Brückenkonstruktion die Hinterhand mit der Vorhand und soll im Idealfall locker schwingend den Schub von hinten nach vorne über das nachgebende Genick des Pferdes bis in die abfedernde Reiterhand übertragen.

Und natürlich gleichzeitig das auf ihm lastende Reitergewicht ausbalancieren. Dazu ist er in gesundem und muskulösem Zustand auch sehr gut in der Lage, aber genau hier gilt es zu forschen. Geht es dem Rücken wirklich gut?

Rücken – Check

Beobachte einmal ganz genau: Wie verhält sich das Pferd beim Putzen? Reagiert es abwehrend, wenn du den Rücken mit dem Gummistriegel oder der Wurzelbürste bearbeitest. Geht es vielleicht bei etwas mehr Druck sogar – in die Knie -?
Gib Gefühl in deine Hände und taste den Pferderücken ab. Keine Angst, das kannst du, auch wenn du es noch nie gemacht hast. Pferde zeigen sehr deutliche Reaktionen, wenn etwas zwickt.

Achte beim Putzen genau auf die Reaktionen deines Pferdes, wenn du bestimmte Muskelgruppen abfährst. ©iStockphoto.com/Jarih

Zuerst streichst du langsam und sanft auf beiden Seiten der Wirbelsäule entlang und erfühlst den Halsmuskel und den langen Rückenmuskel. Du beginnst hinter den Ohren, ungefähr eine Handbreite unter dem Mähnenkamm, und kannst dann an der Schulterlinie entlang einmal Richtung Bug streichen. Dann setzt du am Widerrist wieder an und führst die Linie fort bis zum Schweifansatz. Am besten schließt du dabei die Augen, nimmst Verbindung auf zu deinem Pferd und beginnst dann, entlang der Muskelfasern zu streichen.

Achte auf mögliche Unterschiede zwischen „weich“ und „hart“ oder „wärmer“ und „kälter“. Ein zweiter Durchgang erfolgt mit etwas mehr Druck. Wenn es Problembereiche gibt, wird das Pferd seinen Unmut deutlich zeigen. Es wird ausweichen, die Ohren anlegen, mit dem Kopf herum schnellen, aufstampfen oder mit dem Schweif schlagen.

Bei einem zweiten Test arbeitest du quer zur Muskelfaser. Das heißt nicht mehr horizontal, sondern von oben nach unten mit den Fingerspitzen beider Hände nebeneinander in den Muskel hineinfühlen. An den Wirbelkörpern beginnen und sanft herunterziehen. Dann ein zweites Mal etwas kräftiger und besonders die Sattellage und die Zone dahinter beachten. Gibt es hier Muskelschmerzen, zieht sich der Bereich oft blitzartig zusammen, und es fühlt sich wirklich bretthart an. Das Pferd wird gleichzeitig seinen Unmut kundtun.

Findest du bei den Tests Problembereiche, bist du schon auf der richtigen Spur. Nun geht die Ursachenforschung natürlich weiter. Denn viele Faktoren können wiederum diese Schmerzen hervorrufen.

Fundierte Kenntnisse der Anatomie ihres Pferdes sind für Reiter eine wichtige Quelle, um gesundheitlichen Problemen vorzubeugen. Die Darstellung des Skeletts zeigt anschaulich den Verlauf der Wirbelsäule vom Genick bis zum Schweif. Foto: ©iStockphoto.com/Dekade3d

Verursacher der Rückenprobleme

  • Leider an erster Stelle: Falsche Belastung, falsches Reiten. Kein tragfähiger Rücken- und Bauchmuskelaufbau, denn das Pferd wurde nicht oder mangelhaft über den Rücken gearbeitet. Ein erster Prüfstein: Führt dein Pferd die Lektion Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen korrekt aus?
  • Der Sattel passt nicht und die Verspannungen entstehen durch falsche Gewichtsverteilung oder sogar durch Satteldruck. Ebenso unbedingt die Gurtenlage checken, denn auch Gurtdruck löst Rückenprobleme aus, durch den Schmerz, den er verursacht. Prüfe: Wie reagiert das Pferd, wenn du dich mit dem Sattel näherst und ihn auflegen willst? Freundlich oder abwehrend?
  • Anatomische Grundproblematiken. Dies können die gefürchteten „Kissing Spines“ sein, (das heißt die Dornfortsätze der Wirbelkörper stehen zu eng), aber auch zu kurze oder zu lange Rückenpartien sowie der Senk- und der Karpfenrücken zählen dazu. Ebenso Fehlstellungen der Gliedmaßen und der Hufe.
  • Leichte bis schwere Wirbelverschiebungen. Diese können zum Beispiel durch Stürze mit und ohne Reiter, Festliegen in der Box oder sogar Wälzen auf unebenem Boden entstehen. Oft ist der Kreuz-Darmbein-Bereich betroffen.
  • Grundsätzlich können alle Schmerzen im Bewegungsapparat über die Zeit Rückenprobleme auslösen. Dann nämlich, wenn die Pferde immer wieder über den Schmerz hinweg geritten werden. Das passiert leider oft bei eher versteckten Lahmheiten. Oder, wenn die Pferde sich immer einlaufen und der Reiter sich dadurch über ein akutes Problem hinwegtäuschen lässt.

Die kleine Bilderserie in der Galerie zeigt, wie durch korrektes Reiten die Umstellung und Schulung eines nicht über den Rücken gearbeiteten Pferdes möglich ist.

Fotos: Charlotte Hess

Wer kann helfen bei Rückenproblemen?

  • Ausbilder und Reitlehrer, Bereiter, erfahrene Pferdeleute. Sie leiten dich an, dein Pferd gemäß der Skala der Ausbildung über den Rücken zu trainieren. Oftmals kann es sinnvoll sein, ein Pferd für die Umstellung des Trainings in Beritt zu geben und dann zuerst unter Anleitung nachzureiten.
  • Erfahrene Therapeuten in der Körpertherapie: Pferdeosteopathen, Physiotherapeuten, Chiropraktiker. Sie können Ursachen finden (diese können natürlich auch in anderen Abschnitten der Wirbelsäule oder des Bewegungsapparates liegen). Sie werden behandeln UND dich anleiten, mit deinem Pferd Übungen zur Linderung und Prophylaxe zu machen.
  • Sattler, die zu dir in den Stall kommen und den richtigen Sattel für dein Pferd anpassen. Ein Modell von der Stange tut nicht immer einen guten Dienst. Manchmal hilft bereits ein Aufpolstern oder Umarbeiten, vielleicht aber wird nur eine andere Bauart mit besserer Lastverteilung wirklich Verbesserung bringen.
  • Natürlich auch der Tierarzt deines Vertrauens, wenn zusätzlich zB. auch Röntgenbilder angefertigt werden sollen.
  • Lass einen erfahrenen Hufschmied die Stellung, den Zustand der Hufe und den Beschlag überprüfen.
  • Gehen wir gemeinsam noch einen Schritt weiter in der ganzheitlichen Betrachtung der Ursachenforschung für die Rückenschmerzen deines Pferdes. Wenn sich die Rittigkeitsprobleme über einen längeren Zeitraum eingeschlichen haben, kann es mit den  Zähnen begonnen haben. Dann können Anlehnungsprobleme, die sich zum Beispiel durch Verwerfen im Genick, auf die Hand legen oder Kopfschlagen äußern, zu immer mehr Verspannungen führen.

Sowohl der Tierarzt als auch der gute Osteopath können die Maulhöhle und die Zähne auf Haken, scharfe Kanten usw. untersuchen. Diese verursachen natürlich Verletzungen oder sogar Entzündungen im Maul und es ist nur verständlich, dass die Pferde unwillig auf diese Schmerzen reagieren. Erste Anzeichen dafür können Widersetzlichkeiten beim Auftrensen sein. Hier natürlich auch gleich den korrekten Sitz der Trense oder Kandare mit überprüfen.

Es gibt auf Zahnpflege spezialisierte Fachleute, natürlich führt auch der Tierarzt diese Behandlungen durch.

Die Haltung deines Pferdes überprüfen

Ein weiterer, nicht zu unterschätzender, Punkt sind die allgemeinen Haltungsbedingungen deines Pferdes.

  • Hat es genügend Abwechslung in seinem Leben und ausreichend artgerechte Bewegung?
  • Kann es sich in seiner Freizeit auch mental entspannen?
  • Hat es genügend Kontakt zu Artgenossen?

Ein Pferd, das keinen Kontakt zu anderen Pferden hat oder in der Box unter chronischem Bewegungsmangel leidet, wird nie die innere Ausgeglichenheit mit in das Training bringen, die es braucht, um sich loszulassen. Selbstverständlich entspricht diese Haltungsform auch absolut nicht den Bedürfnissen, die ein Pferd hat. In unserem Artikel über den Bewegungsstall findest du wertvolle Gedankenansätze und Anregungen zum Thema artgerechte Haltung.

Pferde lieben und brauchen Gesellschaft und Bewegung in der freien Natur Foto: Katrin Albrecht

Kämpfst du mit besonderer Schreckhaftigkeit oder möchte dein Pferd dir immer unter dem Sattel davonlaufen? Dies können Anzeichen für mentale Unausgeglichenheit sein, die auf die Dauer ebenfalls zu Rittigkeitsproblemen und den oben beschriebenen Rückenschmerzen führen kann.

Zur Haltung gehört auch die Fütterung. Hier können viele mentale und Temperamentsprobleme ihre Ursache haben. Früher sagte man bei aufbrausenden Pferden gerne „den sticht der Hafer“. Gemeint ist ein Überschuss an Energie durch die Fütterung, der nicht durch Bewegung und Arbeit für das Pferd ausgeglichen werden kann. Futterexperten berechnen mit dir die Dosierung der Futterkomponenten in Relation zum Erhaltungsbedarf und der Arbeitsleistung, die ein Pferd vollbringt.

Auch wenn die Vielzahl der möglichen Ursachen jetzt erst einmal schwer zu durchschauen scheint, so findet sich doch oft bald eine Erklärung, wenn du aufmerksam beginnst danach zu forschen. Oft gibt es mehrere Ursachen und sie bedingen einander.

Sie haben es verdient. Foto: Karen Pagnia

Überlege, wann genau die Probleme begonnen haben. Wahrscheinlich zu Anfang nur in abgeschwächter Form. Hat es vielleicht kurz davor einen besonderen Vorfall gegeben? (zB. einen Sturz) Lass dich nicht entmutigen, suche die Unterstützung von Experten. Es geht darum, die Lebensqualität und Schmerzfreiheit für die Pferde wieder herzustellen, sie haben es verdient.

    * Pferdewirtschaftsmeisterin * Reitlehrerin FN * lebt in Portugal *
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